Das Bühnenbild, Häuschen aus Dämmplatten. Foto: Alexander Paul Kubelka

„Wenn es eine Stunde kürzer gewesen wäre, wäre es okay gewesen. So aber war es eine Zumutung“, sagte einer der Premierenbesucher. Sein Enkerl schlief überhaupt ein und seine Nachbarin verließ mit den Worten „Das halt ich nicht mehr aus“ vorzeitig die Wallstatt.

Die 50. Ausgabe der Perchtoldsdorfer Sommerspiele stellte die Besucher wieder auf eine harte Probe. Dreieinhalb Stunden dauerte das Stück „Till Eulenspiegel – Wenn das Herz brennt“, eine von Intendant, Regisseur und Bühnenbildner Alexander Paul Kubelka (von seinen rosa Häuschen flog eines gleich beim ersten Windstoß um) adaptierte Fassung des Romans von Charles De Costers über den im 16. Jahrhundert lebenden Revolutionär Till Eulenspiegel. Auf den nicht ausverkauften Zuschauerplätzen saßen neben den traditionellen örtlichen Prominenten auch der neue Wiener Erzbischof Josef Gründwidl und Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner. Dass zur selben Zeit das Fußball-WM-Spiel Österreich gegen Spanien lief, war jetzt auch nicht unbedingt der Premiere zuträglich.

Lesen Sie im Folgenden einen Kommentar von Theaterwissenschafter Maximilian Schwertführer (Co-Autor des aktuellen Schauspielführers, Lexikon der deutschsprachigen und internationalen Dramatik, erschienen im Stuttgarter Hiersemann Verlag):

„Ein Theaterabend mit Humor, Leichtigkeit und Tiefgang“ wurde angekündigt. Nach mehr als drei Stunden Spielzeit bleibt vor allem eines hängen: Von Leichtigkeit war wenig zu spüren.

Die Sommerspiele Perchtoldsdorf fanden heuer erneut unter der Intendanz von Alexander Paul Kubelka statt – voraussichtlich zum letzten Mal in dieser Form. Zum vierten Mal verantwortete Kubelka nicht nur die Intendanz, sondern auch Regie und Bühnenbild. Natürlich ist künstlerische Handschrift erlaubt, ja sogar erwünscht. Doch wenn eine Intendanz über mehrere Jahre hinweg immer wieder zentral bei sich selbst bleibt, stellt sich die Frage: Wo bleiben Vielfalt, neue Perspektiven und andere künstlerische Zugänge?

Ein Intendant sollte nicht nur gestalten, sondern auch ermöglichen. Er sollte Räume öffnen, Talente einladen, unterschiedliche Handschriften sichtbar machen. Gerade ein traditionsreicher Sommerbetrieb wie Perchtoldsdorf könnte ein Ort sein, an dem erfahrene Theatermacherinnen und Theatermacher ebenso Platz finden wie junge Regiestimmen, neue Bühnenbild-Ideen oder mutige Lesarten. Stattdessen entstand der Eindruck eines sehr geschlossenen künstlerischen Systems.

Auch das Bühnenbild hinterließ Fragen. Dämmplatten im sichtbaren Originalzustand mögen als bewusste ästhetische Entscheidung gemeint gewesen sein. Man kann das unter künstlerischer Freiheit verbuchen. Man darf sich aber ebenso fragen, ob diese Reduktion tatsächlich eine starke Bildsprache ergab – oder eher unfertig wirkte. Dass ein Teil des Bühnenbildes bereits während der Rede der Bürgermeisterin vom Wind verweht wurde, passte unfreiwillig zum Gesamteindruck.

Vor allem aber fehlte dem Abend das, was Sommerfestspiele im besten Sinn ausmachen können: Tempo, Rhythmus, Komik, Spielfreude und ein Gefühl für das Publikum. Natürlich darf Theater anspruchsvoll sein. Natürlich darf Sprache Raum bekommen. Aber ein Freilufttheaterabend mit einer Dauer von rund 3 Stunden und 15 Minuten, der fast ausschließlich auf Sprache setzt, verlangt dem Publikum viel ab. Für Theaterinsider mag diese Länge selbstverständlich sein, für manche sogar kurz. Für ein breiteres Sommerfestspiel-Publikum – darunter auch Familien und Kinder – ist sie jedoch eine Zumutung.

Wenn Kinder einschlafen und Besucherinnen und Besucher in der Pause gehen, sollte das nicht einfach abgetan werden. Es ist ein Signal. Sommerspiele sind nicht das Burgtheater unter freiem Himmel. Sie brauchen eine eigene Energie, ein eigenes Timing, ein Miteinander zwischen Bühne und Zuschauerraum. Tiefgang und Unterhaltung schließen einander nicht aus. Im Gegenteil: Gerade das Freilufttheater lebt davon, Gedanken, Bilder, Humor und Emotionen so zu verbinden, dass ein Abend trägt.

Die Ankündigung versprach einen „faszinierenden Theaterabend“, der Humor, Leichtigkeit und gesellschaftspolitische Relevanz verbindet. Die Relevanz mag in der Vorlage vorhanden sein, der Tiefgang ebenso. Doch Humor und Leichtigkeit blieben weitgehend Behauptung. Aus Till Eulenspiegel, dieser widerspenstigen, klugen und frechen Figur, hätte ein lebendiger Spiegel für die Gegenwart werden können. Stattdessen wirkte der Abend schwerfällig und überdehnt.

Perchtoldsdorf sollte sich für die Zukunft fragen, welchen Weg diese Sommerfestspiele gehen wollen. Wollen sie ein offener, lebendiger Theaterort sein, der Menschen erreicht, überrascht und mitnimmt? Oder ein Ort, an dem künstlerische Selbstverwirklichung wichtiger wird als das gemeinsame Erlebnis?

Theater kann auch mit wenig Geld große Wirkung erzielen. Die freie Szene zeigt regelmäßig, wie viel Fantasie, Tempo und Kraft mit begrenzten Mitteln möglich sind. Umso wichtiger wäre es, bei einem Festival wie diesem nicht nur auf bekannte Namen und gewohnte Strukturen zu setzen, sondern auch jungen Stimmen Raum zu geben.

Ein Intendant trägt Verantwortung – nicht nur für seine eigene Handschrift, sondern für die Vielfalt eines Hauses, für das Publikum und für die Zukunft eines Festivals. Gerade deshalb wäre weniger „Ich“ und mehr Öffnung manchmal der stärkere künstlerische Schritt.

Wieder einmal waren es grandiose Schauspieler, die einen langen Abend vertretbar machten!

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