Gastronom Gerhart: “Die falsche Politik aus den Vorjahren fällt uns jetzt auf den Kopf”

Franz Gerhart vor seinem Gasthaus in Perchtoldsdorf

Franz Gerhart betreibt mit seiner Familie das Hotel und Restaurant Gerhart in der Elisabethstraße in Perchtoldsdorf. Der Unternehmer ist bekannt dafür, Dinge beim Namen zu nennen, auch wenn er sich damit nicht immer und überall beliebt macht. Für noe24.at war er bereit, eine ausführliche Analyse der jetzigen, Corona bedingten Wirtschaftskrise und katastrophalen Situation für die Gastronomie vorzunehmen.

“Das Vorgehen der Regierung finde ich richtig. Menschenleben vor Umsatz. Was uns jetzt auf den Kopf fällt, ist die falsche Politik aus Vorjahren, Vorjahrzehnten. Sozialpolitik, Finanzpolitik. Es wurde kein, bzw. der falsche Unterschied bei den Betriebsformen gemacht. Dabei wurde vergessen, dass die Kleinbetriebe vollkommen andere Grundlagen und Aufgaben zu bewältigen haben. Ich rede hier von Betrieben von 0-3 Mitarbeitern.

Rücklagen sind nur mit großer Anstrengung möglich

Seit Jahrzehnten ist für diese Betriebe gesetzt, dass die Gewinnerwartung gerade die Existenz sichert, Rücklagen nur mit großer Anstrengung zu bilden sind. Gelingt dieses Vorhaben unter Tränen, weil Investitionen nötig sind und der Gewinn sich dafür erhöht, wird es ganz schlimm. SVS kommt mit NZ (Nachzahlung) und VZ (Vorauszahlung), ebenso die Finanz. Diese müssen das tun, weil die Politik das so vorgibt.

Es gibt keine real umsetzbaren Ausnahmen für die Kleinbetreibe. Jede Zeile einer Steuerberatung an die Institutionen kostet viel Geld. Eine Deckelung von Jahres-Umsatz auf 150.000.- könnte der Start für ein reformiertes “Steuersystem light” für diese Kleinbetriebe sein.

Staat sollte die Hälfte der Lohnnebenkosten tragen

Bei der Sozialpolitik muss man sich vor Augen halten, dass ein Mitarbeiter, der 1500,- netto verdient, den Kleinunternehmer mit ca. 100% Lohnnebenkosten dann € 3000,- kostet. Viele dieser Kleinunternehmer haben aber nur einen Monatsumsatz von  ca. € 10.000.- . Hier sollte der Staat die Hälfte der Lohnnebenkosten tragen.

Die WKO (Wirtschaftskammer) ist für den Kleinbetrieb ein Kapitel für sich. In diesen Gremien kommen Kleinbetriebe fast nicht vor. Deshalb, weil Kleingewerbetreibende im Betrieb arbeiten müssen und nicht tagelang in den Gremien versitzen können. Es gibt auch keinen digitalen Weg, sie mitentscheiden zu lassen. Die Entscheidungsträger sind dann Betriebe, in denen die Chefs in Büros sitzen, die Mitarbeiter arbeiten und der Steuerberater Saldenlisten legt.

50 Prozent der Kleinbetriebe werden Corona-Krise nicht überleben

In fünf Jahren als politischer Funktionär Hotel und Gastro in der WKO konnte ich erleben, wie hier an der großen Mehrzahl der Kleinbetriebe vorbei entschieden wurde. Auf das Corona-Virus bezogen heißt das, es wird an den Realitäten vorbei entschieden.  Ein Wirtschaftsökonom hat dieser Tage erklärt, dass über 50% der Kleinbetriebe diese Krise nicht überleben, wenn diese noch einen Monat andauert. Ein Armutszeugnis der Politik und ein Schaubild, was diese Ignoranz angerichtet hat!

Die politischen Entscheidungsträger haben keine Fachkompetenz

Alle feiern sich selbst mit Zahlen, die nach Division durch die Anzahl der Betriebe erbärmlich sind. Ich stehe z.Zt. hinter der Regierung Kurz, nicht aber hinter dem alten Apparat. Wir müssen uns endlich vor Augen halten, dass die Entscheidungsträger bis hinauf zum Nationalrat willkürlich besetzte Leute sind, ohne fachliche Kompetenz. Die wahren Fachleute müssen sich dann oft wider besseres Wissen der Politik beugen, weil es gerade opportun ist, falsch zu entscheiden. Vor meiner politischen Tätigkeit (5 Jahre lang) hätte ich nie diesen Einblick gehabt. Mit vielen Nationalräten bin ich am Tisch gesessen, keinen würde ich um etwas fragen. Zur Ehrenrettung der Mandatare gestehe ich zu, dass die Unmengen an Papier gelesen und dann auch noch verstanden werden müssten.

Die Kleinbetriebe sind aus obigen Gründen ausgetrocknet und kämpfen auch ohne Krise oft ums Überleben. Ich hoffe für alle Kleinbetriebe, dass die Betreiber und ihre Familien gesund bleiben und die Betriebe die nötige Unterstützung erhalten, um für uns und die wichtige Infrastruktur in den Orten erhalten bleiben. Der Corona-Virus ist auch eine Chance für den Kanzler, neue Wege zu beschreiten. E-Learning, Digitales Amt, Valides Bundesheer, Kleinbetrieben die Möglichkeit zur Ressourcenbildung geben, um Krisen zu überstehen.”

Franz Gerhart

Ein Kommentar

  1. Sehr geehrter Herr Gerhart,

    Ich denke, Sie treffen den Nagel auf den Kopf. Die aktuelle Krise kann man der Politik gewiss nicht anlasten, aber dennoch kommen nun die Auswirkungen der Verfehlungen aus der Vergangenheit auf schreckliche Art und Weise zum Vorschein. Im Vergleich zu anderen Staaten müssen wir uns dennoch glücklich schätzen_
    – Unser Sozialsystem ist besser ausgebaut, zB Kurzarbeit
    – Unser Gesundheitssystem ist leistungsfähig
    – Unsere Infrastruktur ist recht gut in Schuss
    – Unsere Finanzen waren halbwegs intakt

    Es ist anzumerken, dass es zuletzt – besonders unter den beiden Versuchen von Schwarz-Blau – zahlreiche, gottseidank am Ende großteils gescheiterte, Versuche gab, unsere Sozial- und Gesundheitssysteme zu zersetzen. Meine Hoffnung ist, dass diese Krise dazu führt, dass wir das Miteinander, welches Österreich zu diesem lebenslwerten Land gemacht hat, wieder auf eine stärkere Basis stellen.
    In jeder Krise liegt auch der Kern für etwas Gutes. In diesem Sinne: Ihnen Gesundheit und alles Gute!

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