Im SOS-Kinderdorf Hinterbrühl wurden Juden vor dem Tod gerettet

V.l.n.r.: Thomas Wick, Leiter SOS-Kinderdorf Hinterbrühl, Irene Szimak, Vorstandsvorsitzende SOS-Kinderdorf Hinterbrühl, Danny Rainer, Vice President International Raoul Wallenberg Foundation, Ulrike Königsberger-Ludwig, Landesrätin NÖ, Talya Lador-Fresher, Botschafterin Israels, Foto: Hannah Mayr

Seit 1957 finden Kinder und Jugendliche im SOS-Kinderdorf Hinterbrühl ein neues Zuhause oder vorübergehende Unterstützung und Begleitung. Doch bereits lange davor war das Grundstück ein Ort der Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit: Im Zweiten Weltkrieg bot Karl Motesiczky auf seinem Anwesen jüdischen Familien Unterschlupf und rettete damit unzählige Leben.

SOS-Kinderdorf schätzt sich glücklich, dass die Internationale Raoul Wallenberg Stiftung diesen speziellen Ort zum ersten HAUS DES LEBENS in Österreich erklärt. „Das Andenken an die selbstlose Hilfe von Karl Motesiczky bleibt damit bewahrt und auch in Zukunft wird dieses Grundstück stets ein Ort der Unterstützung und des Schutzes sein“, so Irene Szimak, Aufsichtsratsvorsitzende von SOS-Kinderdorf.

Gemeinsam mit Danny Rainer von der Internationalen Raoul Wallenberg Stiftung und Israels Botschafterin Talya Lador-Fresher enthüllte sie am 21. August 2019 eine Gedenktafel am ehemaligen „Schweizerhaus“, in dem Karl Motesiczky bis 1942 lebte. An der feierlichen Veranstaltung nahmen auch Landesrätin Ulrike Königsberger-Ludwig sowie der Publizist Peter-Michael Lingens, Sohn der Widerstandskämpfer Ella und Kurt Lingens, teil. Das ehemalige „Schweizerhaus“ beherbergt heute unter anderem Therapie-Räumlichkeiten für Kinder und Jugendliche.

Ein Grundstück voller Leben

Das Gelände des SOS-Kinderdorf Hinterbrühl war seit Generationen im Besitz großbürgerlicher jüdischer Familien und viele Jahrzehnte ein Zentrum des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens der damaligen Zeit. Als letzter der Familie nutzte der Intellektuelle und Psychoanalytiker Karl Motesiczky den Landsitz. Nach Hitlers Einmarsch in Wien im März 1938 folgte Motesiczky seiner Mutter und Schwester (die erfolgreiche Künstlerin Marie-Louise Motesiczky) nicht ins Exil, sondern blieb in Österreich, um sich den Entwicklungen entgegen zu stellen. In den Monaten darauf wurde sein Anwesen zu einer Zufluchtsstätte für verfolgte Jüdinnen und Juden. Karl Motesiczky bot ihnen Unterschlupf und gründete mit FreundInnen eine Widerstandsgruppe. Im Sommer 1942 wurde die Gruppe bei dem Versuch, jemandem bei der Flucht zu helfen, verraten. Karl Motesiczky wurde von der Gestapo verhaftet und verlor im Juni 1943 im Konzentrationslager in Auschwitz sein Leben.

Weiterhin Ort der Menschlichkeit: liebevolles Zuhause für über 1.500 Kinder

Nach Kriegsende blieben Motesiczkys Mutter und Schwester in England. Obwohl ihnen der Abschied vom Familien-Anwesen schwer fiel, verkauften sie es Mitte der 50er-Jahre an SOS-Kinderdorf-Gründer Hermann Gmeiner. Ihnen gefiel die Idee, dass hier ein SOS-Kinderdorf entstehen sollte und damit das humanitäre Wirken ihres Sohnes und Bruders, der Kinder liebte aber selbst nie welche hatte, weiterlebt. Im November 1957 wurde das SOS-Kinderdorf Hinterbrühl eröffnet, das bis heute zu einem der größten Europas zählt. Über 1.500 Kinder und Jugendliche fanden seitdem hier ein liebevolles Zuhause.

„Vielleicht besteht die ganze Kunst, glücklich zu sein, in der Kunst, nicht an sich selbst zu denken“, schrieb Karl Motesiczky einst an seine Schwester Marie-Louise. Ein Zitat, das Hermann Gmeiner sicher gefallen hätte. Die beiden Männer haben sich nie kennengelernt. Aber sie waren aus ähnlichem Holz geschnitzt. Sie sorgten sich um das Wohl anderer und halfen unbeirrt dort, wo es dringend nötig war.

Internationale Raoul Wallenberg Stiftung

Die International Raoul Wallenberg Foundation setzt sich für das Andenken couragierter Personen ein, die im Holocaust und anderen tragischen Konflikten Solidarität zeigten und Opfern zur Seite standen. Benannt ist die Stiftung nach dem schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg, der das Leben tausender Jüdinnen und Juden und anderer Verfolgter im Zweiten Weltkrieg rettete und seit 1945 als vermisst gilt.

Seit 2014 wird der Titel HOUSE OF LIFE an Orte in Europa vergeben, an denen Verfolgte im Zweiten Weltkrieg Unterschlupf fanden. Über 500 Stätten wurden bereits als HOUSES OF LIFE identifiziert und werden nach und nach gekennzeichnet, sodass PassantInnen und BesucherInnen die bewegenden Geschichten dieser Orte erfahren. Das SOS-Kinderdorf Hinterbrühl ist das 29. HAUS DES LEBENS in Europa und das erste, das in Österreich diese Ernennung erhält.

 

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